Foto: Dietmar Lampe

Foto: privat

Foto: Kloster Loccum

Foto: Michael Merkel

Foto: Kloster Loccum

Abschied von der Ott-Orgel

Benefiz-Orgelkonzert am 9. Januar 2011

Foto: Marion Merkel.
Auch nach dem Konzert war jedem Mitwirkenden die Freude am gemeinsamen Einsatz anzumerken. 2. Reihe v.l.n.r. Sönke von Stemm, Adolf Kreuser, Björn Löken, Michael Merkel, Matthias Graf, Hartmut Reußwig; 1. Reihe v.l.n.r. Johannes Hadem, Reinhard Plate, Christian Richter, Henrike Graf, Rudolf Rienau.

Mit einem spannenden zweistündigen Konzert in der nahezu voll besetzten Kirche sagten am 9. Januar Musiker und Hörergemeinde, die der Loccumer Kirchenmusik verbunden sind, der Ott-Orgel aus den Jahren 1956 und 1963 Lebewohl.

Der amtierende Stiftskantor Michael Merkel hatte Vorgänger und musikalische Partner aus vielen Einkehrmusiken und Gottesdiensten zu einem Benefizkonzert eingeladen und in ein anspruchsvolles, abwechslungsreiches Programm einbezogen.

Ein Hauch des Filmklassikers Ocean’s Eleven lag in der Luft, als die elf Mitwirkenden des Benefiz-Orgelkonzerts zum Schlussapplaus die schmale Wendeltreppe von der Orgelempore herunterkamen und sich sichtlich zufrieden undvergnügt nebeneinander vor dem Publikum aufreihten! (siehe Foto) Kein Gaunerstück, doch ein Meisterstück war ihnen gelungen!

Sie hatten mit ihrem Können und ihrer Musizierfreude alle Register gezogen, die inzwischen denkmalwürdige Orgel zum Abschied voll zur Entfaltung gebracht, aber auch durch kluges Registrieren und einfühlsames Spiel deren Mängel überspielt, jedenfalls mit einem kontrastreichen, prachtvollen Klangerlebnis einen festlichen, bewussten Abschied inszeniert.

Alles andere als eintönig

Das geschickt aufgebaute Programm mit dem Untertitel „Abschied“ begann mit schlanker Literatur aus dem Mittelalter (Christian Richter, Stadthagen, Orgel), führte über Barockmusik (Hartmut Reußwig, Nienburg, Orgel; Matthias Graf, Loccum, Posaune; Reinhard Plate, Wunstorf, Flöte; Johannes Hadem, Loccum, Orgel) und Klassik (Rudolf Rienau, Biedenkopf, Orgel; Henrike Graf, Horn, Loccum) zu romantischen ( Adolf Kreuser, Schotten, Orgel; Björn Löken, Loccum, Saxofon) und zeitgenössischen Werken (Löken, Plate, Michael Merkel, Orgel). So wurde die Musik nach dem strengen Anfang vielfältiger, mal verspielt, mal üppig und am Ende ausgesprochen keck mit dem „Wild Cat Blues“ und „Mozart Changes“.

Ein zweistündiges Orgelkonzert – hält ein normaler Mensch das aus? Und ob, wenn es so schwungvoll und leidenschaftlich vorgetragen und zur Abwechslung noch durchsetzt wird mit Wortbeiträgen: Sönke von Stemm hatte eine glückliche Hand bei der Auswahl von drei Lesungen. „Jürnjakob Sween, der Amerikafahrer“, ein Brief Felix Mendelssohns und ein Text von Hermann Hesse lieferten ihm Kurzweiliges und Tiefsinniges zu exzellentem Vortrag zwischendurch. Außerdem berichtete Abt Horst Hirschler gleich nach der Begrüßung vom langwierigen Prozess der Entscheidungsfindung im Konvent des Klosters, wie mit der Ott-Orgel umzugehen sei. Und mittendrin interviewte er den Stiftskantor zu den Problemen und Mängeln der Orgel.

Warum eine neue Orgel anschaffen, wenn die alte doch heute so prächtig klingt?

„Tausend Kleinigkeiten“, so Michael Merkel, summierten sich zu einer unzureichenden, perspektivlosen Orgel für diese Kirche! Das in den 50er und 60er Jahren verwendete Material sei mittelmäßig, die Konstruktion der Orgel von Anfang an mangelhaft gewesen. Bereits während des Einbaus habe die damalige Organistin Hedwig Willms die Enge an der Orgel und das Fehlen von Pedalkoppeln - leider vergeblich - moniert. Für besonders problematisch hält Merkel die Enge im Gehäuse: Sie erschwere den Organisten das regelmäßig nötige Stimmen der Zungenregister und den Orgelbauern die Arbeit bei der Wartung. Vor allem aber mache sie keine richtige Klangentfaltung möglich: Der Ton könne in der auf engstem Raum gebauten Orgel nicht richtig schwingen, sodass der Klang in der Kirche nicht genug zur Entfaltung komme. „So kann in der Kirche gar kein tragender Ton entstehen.“

Des Weiteren lasse die Raumnot auf der Orgelempore nur einen einzigen Instrumentalisten zu, der zudem fürchten müsse, entweder das Instrument oder er selber gehe über Bord… Die Klangkonzeption der 1950er Jahre – gezielt auf die Wiedergabe von Musik Bachs und seiner Zeitgenossen angelegt – sei überholt. Die Orgel sei für den großen Kirchenraum zu klein konzipiert, die Sichtverbindung zum Altarraum beim Gottesdienst gar nicht eingeplant, wenn der Chor zu dirigieren sei, ein rauf und runter nötig usw.usw.

Die lange favorisierte Lösung einer Renovierung der Denkmalorgel bzw. deren Wiederverwendung in einer teilweise neuen Orgel würde deren Mängel nicht beheben und zudem mehr als die Hälfte einer wirklich neuen Orgel kosten. Deshalb laufe es jetzt, sofern die vom Abt eingeworbenen und ihm zugesagten Spenden wirklich eingehen, auf eine neue Orgel hinaus. Einen „Restbetrag“ in fünfstelliger Höhe solle Loccum selbst aufbringen. - Da muss dem Kantor und den Freunden der Kirchenmusik am Kloster noch viel einfallen!

Das Benefizkonzert zum Abschied von der alten Orgel war schon in dieser Hinsicht eine gute Idee, denn es brachte durch Eintrittsgelder satte 1.700 € für die neue Orgel ein, weil die Organisten und Instrumentalisten für den guten Zweck auf ihre Gage verzichteten. Von den Einnahmen abgesehen war es aber auch alles andere als ein leise weinender Abschied: Die gute Laune und Spielfreude der Musizierenden übertrugen sich aufs Publikum.

Daher wächst die berechtigte Hoffnung, dass der musikalische Genuss ebenso wie die auch für Laien verständlichen Sachinformationen viele Menschen angeregt haben, das Projekt des Loccumer Orgelbaus weiter zu begleiten und zu unterstützen! Zweckgebundene Spenden sind sehr willkommen! Und zwar auf das Spendenkonto der Kirchlichen Verwaltungsstelle Loccum Nr. 37 000 200 bei der Volksbank Steyerberg BLZ 256 625 40 mit dem Vermerk „Orgel Loccum“.

Was wird aus der Ott-Orgel?

Sie muss, da nun auch die vordere Hälfte der Stiftskirche zur Baustelle wird, abgebaut und eingelagert werden. Womöglich soll sie verkauft werden und dann andernorts wieder erklingen. In der Loccumer Stiftskirche jedenfalls gab sie am 9. Januar den letzten Ton von sich, das aber auf die fröhlichste Weise.

Text: Susanne von Stemm / Michael Flämig